Das Erbgut der Ahnen
Über Generationen hinweg haben die Ahnen Kriege geführt und Zeiten der Verzweiflung, Verwüstung und Not durchlitten. Tod, Hunger, Kälte, Hass, Ohnmacht, Leid und Verzweiflung waren ihre Realität. Niemand von ihnen konnte den psychischen, seelischen und körperlichen Narben entkommen, die diese Kriege hinterließen – auch nicht die Eltern. Es war eine Zeit, in der Menschen hart arbeiteten, um ihren Familien wieder eine Existenz und Stabilität zu ermöglichen. Männer und ihre Söhne wurden in den Krieg eingezogen. Frauen und Töchter schufteten auf den Feldern, in Lazaretten, bangten um ihre Familien und oft auch um ihre Unversehrtheit. Viele von ihnen, die den Krieg erlebt hatten, reagierten später mit Wut, Ohnmacht, der Flucht in Süchte, Ekel, Hass und Trauer, was in Depressionen und emotionaler Kälte endete. Damals kümmerte sich niemand um die seelischen Narben, die seither durch verdrängte Emotionen, Ängste und Glaubenssätze festgehalten wurden.
Nach dem Wiederaufbau in den fünfziger Jahren trugen vor allem die Väter die alleinige Verantwortung für den Erhalt der Familie. Die Frauen hingegen waren für die Erziehung der Kinder und den Haushalt zuständig. Diese Rollenverteilung entwickelte sich später sowohl für Frauen als auch für Männer zum Nachteil und wurde beiden zum Verhängnis: Die Frauen waren oft mittellos, während die Männer ihre Narben der Vergangenheit auf ihre eigene Weise betäubten. Durch diese Flucht und die zunehmende innere Trennung der Familie entfernten sich beide emotional immer weiter voneinander.
Noch heute sind Glaubenssätze zu hören wie: "Das Leben ist hart", "Wer rastet, der rostet", "Zeit ist Geld", "Wer glaubst du, wer du bist?", "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", "Wer zu etwas kommen möchte, muss sich anstrengen", "Ich muss Gas geben" ... Dies sind einige der Glaubenssätze aus früheren Zeiten, die bis heute in unserem Nervensystem oder dem Unterbewusstsein unbewusst aktiv sind und uns unbewusst limitieren , hetzen, negativ beeinflussen.
Doch stimmen diese Dogmen noch, und ist es wirklich notwendig, ihnen weiterhin zu folgen, um zu überleben?
Unbewusst wurden diese mit Ängsten, Emotionen, Verurteilungen und Verletzungen behafteten Affirmationen von den Eltern übernommen und bis heute als Glaubenssätze an ihre Kinder weitergegeben. Für Liebe, Geduld und Bewusstsein blieb damals kaum Raum, da die Priorität auf dem Leben und Überleben lag.
Der Großvater mütterlicherseits wurde zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg geboren – in einer Zeit der Enttäuschung und Hungersnot. Mit 23 Jahren wurde Jules M. in den Zweiten Weltkrieg eingezogen und erlitt dort schwerste Traumata und emotionale Schmerzen, die bis heute weitervererbt wurden.
Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Befreiung stattfand, befand sich Jules im Kriegsgefangenenlager in Tambow, Russland. Dort musste er bis zu seiner Freilassung noch einige schwere Lernaufgaben durchleben. Niemand interessierte sich für die aufgestaute Wut und den Hass, die Jules zu bändigen versuchte. Einige Jahre nach diesem Schicksalsschlag trug Jules M. die Verantwortung für fünf Kinder und eine Frau. Er erhielt eine Arbeit im Stahlwerk. Die unbeantworteten Fragen zu seinem emotionalen und körperlichen Schmerz quälten ihn noch jahrelang – sichtbar in Wutausbrüchen, Angstzuständen, Ohnmachts-, Scham- und Schuldgefühlen. Beide Elternteile gaben ihr Bestes, auch wenn Jules manchmal tagelang nicht nach Hause kam und seine Frau ohne Essen und Geld auf ihn wartete.
Auch sie tat ihr Bestes – Suche den Schuldigen.

